Form und Funktion des Symbolspiels

Inge Bretherton fasste im Artikel „Pretense: The Form and Function of Make-Believe Play“ den Stand der Dinge zum Thema kindliches Symbolspiel zusammen.

Das Symbolspiel ist vor allem bei Vorschulkinder die Spielform schlechthin. Um es überhaupt spielen zu können, sind einige Voraussetzungen notwendig:

– die Fähigkeit verschiedene Rollen und Perspektiven einzunehmen

– die Realität in der Phantasie umgestalten können (also neue Plots, Geschichten ersinnen)

– die Grenzen zwischen Realität und Phantasie verwischen können

Inge Bretherton geht es um die Frage nach der Funktion des Symbolspiels. Welchen Zweck erfüllt es? Ausserdem geht es um die Frage, ob alle Kinder gleiche Voraussetzungen für das Symbolspiel mitbringen!

Multiple Rollen

Das Kind kann spielend zwischen der Rolle des Akteurs, des Drehbuchautors, des Regisseurs… wechseln.

In einer Studie fand Griffin, dass Kinder über verschiedene Techniken verfügen:

  • underscoring, ulterior conversation, magicking, storytelling, prompting, formal pretend proposals

Unabhängig davon fand Wolf in einer anderen Untersuchung heraus, dass Kinder dieselben Techniken beim Spielen mit kleinen Figuren anwenden. Auch dort wechseln sie zwischen der Rolle des Erzählers und des stellvertretenden Akteurs.

Die Rolle des Akteurs und die Rolle des Erzählers werden sogar so unterschiedlich gestaltet, dass der Unterschied sogar in der Sprache (Anzahl der Bindewörter, Zeit (Präsens/Vergangenheit), Verwendung von Aussagen…) deutlich wird.

Transformieren der Realität und faktenfernes Denken

Die entwickelten Plots und Handlungsstränge sind bei einjährigen noch sehr einfach. Mit zunehmendem Alter werden diese immer ausgeklügelter.

Nach den Theories of Event Representation bilden Schemata und Skripte die Bausteine der Repräsenation, des Symbolspiels.

Es gibt eine Menge an empirischen Daten (Nelson et al.), die zeigen, dass Kinder ihr Weltwissen in Schemata und Skripte organisieren.

Allerdings, wie Fein hervorhebt, sind basieren nicht alle Symbolspiele auf der Realität? Diese Frage führte zu einer Änderung der ursprünnglichen Theorie. Schanks neue Theorie geht davon aus, dass Kinder über eine volle Bandbreite von erfahrungsnaheb bis hin zu abstrakten Schemata verfügen. Die abstrakten Schemata können mit unterschiedlichem Inhalt gefüllt werden. So kann das Kind neue Realitäten für sich erschließen.

Die Grenze zwischen Realität und Phantasie

Für Kleinkinder ist der Unterschied zwischen Realität und Phantasie noch nicht so klar. Darum bekommen sie Angst, wenn ein anderes Kind, der vorgibt ein Löwe zu sein, auf sie zukommt. Ältere Vorschulkinder können auf so einen Löwen spielen reagieren, indem sie sich in einem starken Bären verwandeln.

Es bleibt festzuhalten, das fiktive Ereignisse echte Emotionen auslösen können, so wie es Erwachsenen bei Filmen auch geht.

Schwartzman fand in ihrer Studie heraus, dass der soziale Kontext ins Spiel eingebunden wird. Im Klartext heißt es, dass sich bestehende soziale Beziehungen zwischen Kindern auch ins Symbolspiel einfließen. Die Kinder mit hohem Status (das bezieht sich auf den Status innerhalb der Gruppe) stossen im Spiel dazu und können das Spiel mitbestimmen. Kinder mit niedrigem Status müssen fragen, ob sie mitspielen dürfen. Dazu bekommen die beliebten Kinder eher die prestigeträchtigen Rollen wie Mutter, Vater, Doktor, Polizist etc. übernehmen, während die unpopulären Kinder sich mit Rollen wie Baby, Haustier etc. begnügen müssen.

Die Phantasie hat aber auch ihre Grenzen. So fanden Garvey und Berndt heraus, dass sich Vorschuljungs eher schwer tun, wenn es darum geht, eine weibliche Rolle zu übernehmen. Zudem wurde in gemischgeschlechtlichen Rollenspielen festgestellt, dass Jungs gerne in die Rolle von Kämpfern schlüpfen, während das Mädchen das Opfer spielen musste.

Insgesamt lässt sich aber sagen, dass das Symbolspiel ein sehr komplexer, zeitintensiver und emotionaler Vorgang ist. Manchmal fällt es sogar den Eltern schwer, die Ruhe zu bewahren, wenn sie ihre Kinder beim Symbolspiel beobachten. Welche Rolle hat aber das Symbolspiel für die Entwicklung des Kindes?

Die Bedeutung des Symbolspiels

Zahlreiche Stude belegen, dass die Prädisposition zu Phantasie mit sozialer Kompetenz einher geht. Also könnte man das Symbolspiel als Trainingsplatform für soziale Interaktionen betrachten. Doch wie ist der Zusammenhang tatsächlich?
Ist es so, dass eine Prädisposition zu Phantasie die soziale Kompetenz erhöht, oder ist es gerade umgekehrt?

Erik Erikson ging davon aus, dass das Symbolspiel der Bewältigung (emotionaler) innerer oder zwischenmenschlicher Konflikte dient. Das Kind ist in eine asymmetrische Machtrolle als Kind gepresst. Indem es ständig Befehlen ausgesetzt ist, wird es vom Gefühl der Hilflosigkeit bedroht. Um dieses Gefühl zu bewältigen, wendet es das Symbolspiel an, in dem es plötzlich die Befehle geben kann, die es normalerweise befolgen muss. Jean Piaget teilt diese Auffassung, aber nicht ganz. Ähnlich wie Erikson geht er davon aus, dass das Symbolspiel dazu dient, die unangenehme Realität zu korrigieren. Piaget geht es aber nicht nur um die Bewältigung emotionaler Probleme. Aus seiner Sicht ist das Symbolspiel Assimilation in reinster Form. Die Welt wird dem kindlichen Selbst angepasst. Gleichzeitig spricht Piaget dem Symbolspiel jeglichen kreativen Charakter ab.

Bretherton geht aber davon aus, dass man das Symbolspiel nicht einfach als Assimilation der Welt in kindliche Schemata abtun kann. Denn das Symbolspiel wird mit zunehmendem Alter nicht realistischer, sonder im Gegenteil! Ältere Vorschulkinder gehen im Vergleich zu ihren jüngeren Genossen fantasievoller zu Werke. Je klarer die Realität erfasst wird, umso mehr Freiraum beansprucht man beim Symbolspiel.

Eine Studie von Gottmann bestätigt die Annahme des Symbolspiels als Werkzeug zur Bewältigung von emotionalen Problemen. Im kindlichen Symbolspiel sieht Gottmann ein Analagon zur Selbstenthüllung eines Erwachsenen. Vorschulfreunde spielten z.B. Angstgeschichten wieder, in dem sie verängstigte Puppen beruhigten. In anderen Varianten fanden Kinder einen Weg wie sie ein gefürchtetes Objekt vernichten konnten.

Wenn nun die emotionale Bewältigung die Funktion des Symbolspiels ist, sind alle Kinder in der Lage diese Form der emotionalen Bewältigung anzuwenden?

Rosenberg hat schließlich eine Studie mit 39 4-jährigen aus Risikofamilien durchgeführt. Die Kinder wurden bereits im Alter von 18 Monaten hinsichtlich ihres Bindungsstils (sicher, unsicher, ambivalent) untersucht. Die Qualität des Symbolspiels wurde anhand folgender Kriterien bewertet:

– elaboration (Klarheit der Rolle)

– social flexibility (konnten die Vorschläge des Partners berücksichtigt werden, ohne die eigenen aufzugeben?)

– emotional investment (Enthusiasmus, Motivation weiter zu machen)

Als Resultat zeigte sich, dass Kinder mit hoher sozialer Kompetenz (vom Lehrer bewertet) mehr Beziehungsthemen in das Symbolspiel aufgriffen und auch mehr positiven Affekt zeigten als Kinder mit niedriger soziale Kompetenz. Man könnte nun vermuten, dass die Bewertungen der Lehrer nicht vorurteilsfrei waren. Allerdings zeigten sich auch Zusammenhänge zwischen der frühen Bindung und der Qualität und dem Inhalt des Symbolspiels. Sicher gebundene Kinder zeigten mehr elaboration, soziale Flexibilität und auch emotionale Intensität. Auch inhaltlich griffen sie viel häufiger familiäre Themen auf. Unsicher-vermeidende Kinder dagegen stellten öfter aggressive Themen, und selten fürsorgliche Themen dar. Zusätzlich zeigten die sicheren Kinder sowohl positive als auch negative Affekte, wogegen die unsicheren Kinder eher unemotional agierten, abgesehen von gelegentlichen Wutausbrüchen. Zu guter Letzt waren die sicheren Kinder auchöfters in der Lage eine gute Endung für ihr Problem zu finden.

Auf der Basis dieser Ergebnisse folgert Rosenberg, dass das Symbolspiel für unterschiedliche Kinder unterschiedlich funktioniert. Die emotionale Bewältigung ist nicht immer das Endresultat. Einige (unsichere) Kinder entwickelten sogar eine Obsession für unangenehme Themen, die immer wieder durchgespielt wurden, ohne dass eine Auflösung gefunden wurde.

Abschließende Bemerkungen

Die Rosenberg und Gottmannstudien haben dazu beigetragen die individuellen Differenzen in der Anwendung des Symbolspiels zu verdeutlichen. Sichere, sozial kompetente Kinder konnten mit ihren Partner besser zusammen arbeiten. Sie waren in der Lage das Symbolspiel zur emotionalen Bewältigung zu nutzen. Dies Kinder spielen keine heile Welt nach. Sie sind sehr wohl in der Lage Wut, Angst und Traurigkeit darzustellen, sie können aber diese Probleme auflösen, in dem sie ein gutes Ende im Symbolspiel kreieren. Unsichere Kinder versteifen sich oft auf negative Themen und sind unfähig eine gute Wendung zu erfinden oder zu akzeptieren.

Das Symbolspiel kommt also gerade denen nicht zu Gute, die es am meisten brauchen würden. Das Symbbolspiel ist gerade denen besonders gut zugänglich, die gute Beziehungen zu ihren Eltern und zu anderen Gleichaltrigen aufbauen können.

Die Studie dazu: „Pretense: The Form and Function of Make-Believe Play“, Inge Bretherton, 1989

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Eingeordnet unter Entwicklung, Studien

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