Imaginäre Gefährten und Peerakzeptanz – Warum Diktatoren (vielleicht) Teddybären lieb haben!

Früher ging man davon aus, dass ein imaginärer Gefährter ein Zeichen dafür ist, dass ein Kind nur schwache soziale Beziehungen aufgebaut hat. Aus dieser Sicht wäre das Kreieren eines imaginären Gefährten eine Kompensationsleistung. 

Andererseits wurden imaginäre Gefährten sowohl als typisch als auch atypisch für die Entwicklungsstufe in der jungen Kindheit. Einige Studien kommen sogar zu dem Ergebnis, dass das Erschaffen imaginärer Gefährten recht gewöhnlich ist. Doch je nachdem, wie genau man das definiert, kommen weitere Untersuchungen zum Schluß, dass nur 6% der Vorschulkinder einen imaginären Gefährten erschaffen.

 Was noch nicht erforscht wurde, sind Zusammenhänge zwischen einer solchen Phase und der sozialen Entwicklung.

 Wie schon in der Einleitung erwähnt, kann man einen imaginären Gefährten als Trostpflaster für Einsamkeit oder dürftige soziale Beziehungen ansehen. Dann liegt es nahe, zu vermuten, dass solchen Kindern, entweder die sozialen Fähigkeiten oder die sozialen Gelegenheiten fehlen, um Freunde zu gewinnen.

 In einer Studie kamen Harter und Chao zum Ergebnis, dass Kinder mit imaginären Gefährten als weniger sozial kompetent als der Durschnitt bewertet werden. Aufgrund dessen könnte man sogar vermuten, dass sozial unbegabte Kinder imaginäre Gefährten kreieren, weil sie von den anderen Kindern nicht akzeptiert werden.

 Anders als normale Freunde kann man imaginäre Freunde nach Lust und Laune behandeln. Der Umgang mit ihnen erfordert auch kein besonderes soziales Geschick. Dafür spricht auch, dass Kinder ihre imaginären Freunde als gleichwertig und gleich wichtig betrachten.

All dies führt zu der Überlegung, dass imaginäre Freunde eine Art Kompensation sind. Allerdings wurde dies noch nie empirisch überprüft. Das ist das Ziel der Studie.

Es gibt nämlich auch Studien, die andeuten, dass Kinder mit imaginären Freunden sozial mehr akzeptiert werden als Durchschnittskinder. Dann läge keine Kompensation vor. Aus dem Blickwinkel ermöglichen imaginäre Gefährten zusätzliche Übungsmöglichkeiten für soziale Kontakte.

 In einer Längsschnittstudie von Acredole zeigte sich, dass 4-jährige Kinder, die imaginäre Freunde hatten, seit der frühen Kindheit mehr Interesse für Phantasie gezeigt hatten als andere Peers. Und ein Kind mit hoher Phantasie könnte mehr soziale Kompetenz entwickeln und so auch mehr Akzeptanz von den Peers erfahren.

Darum wurde diese Studie gestartet! Die direkte Beziehung zwischen dem Vorhandensein eines imaginären Freundes und der Peerakzeptanz sollte durchleuchtet werden.

Die Hypothese lautet, dass die Peerakzeptanz von Kindern mit imaginären Freunden nicht niedriger als normal sein sollte, da sie sozialer sind und mehr Neigung zu Phantasie zeigen. Es könnte sogar sein, dass sie höhere Peerakzeptanz geniessen. In dieser Studie wurden soziometrische Interviews mit einer großen Gruppe von Vorschulkindern durchgeführt.  Von 105 eingeladenen Kindern nahmen 92 an der Studie teil.

Im soziometrischen Interview nannten die Kinder ihre drei besten Freunde und auch den besten Freund unter diesen drei. Damit wurde die Präferenz für bestimmte Kinder g emessen.

Die Lehrer sollten jeweils zu jedem Kind ein Kind nennen, das als Spielgefährte meistens nicht in Frage kommt. So hat man negative Nominierungen für die Kinder gesammelt.

Mit Hilfe eines Phantasie-Interviews (Singer und Singer) wurden die Kinder in sehr affine und kaum affine eingeteilt.

Die Eltern berichteten, ob die Kinder einen imaginären Gefährten hatten, ob dieser unsichtbar oder ein personifiziertes Objekt (Stofftier oder ähnliches).

Schließlich wurde auch die Kinder in einem Interview zu ihren imaginären Gefährten befragt. Die wurde zwei Wochen später wiederholt, um festzustellen, ob der Gefährte (Name und Beschreibung) noch der Gleiche war.

Die Ergebnisse

18,2 % der Kinder  also 16 (w=7, m=9) hatten einen personifizierten imaginären Freund und 12,5% (w=9, m=2, signifikanter Effekt des Geschlechts) hatten einen unsichtbaren imaginären Freund.

Kinder mit einem personifizierten imaginären Freund hatten die höchsten Phantasie-Werte, gefolgt von den Kindern mit den unsichtbaren Freunden.

Eine Varianzanalyse ergab einen signifikanten Haupteffekt. Kinder mit einem personifizierten imaginären Freund erhielten mehr negative Nominierungen als der Schnitt. Die Kinder mit einem unsichtbaren Freund erhielten dagegenen weniger negative Nominierungen als der Schnitt.

Diskussion der Ergebnisse

Allgemein scheinen sich Kinder mit imaginären Gefährten nicht so sehr von normalen Kindern zu unterscheiden.

Sogar die Kinder mit imaginären personifizierten Freunden hatten genug Freunde, denn bei den positiven Bewertungen gab es überhauot keinen Zusammenhang mit der Bildung eines imaginären Gefährten.

Auch die Möglichkeit, dass ein imaginärer Gefährte eine Übungsmöglichkeit für soziale Interaktionen sein könnte, wurde nicht bestätigt. Es könnte lediglich sein, dass dies für unsichtabre imaginäre Gefährten zutrifft.

Was aber auf jeden Fall interessant zu sein scheint, ist, dass ein Unterschied zwischen dem Haben unsichtbarer und personifizierter imaginärer Freunde besteht. Es könnte sich hierbei und zwei distinkte Phänomene handeln.

Bei Kindern mit personifizierten imaginären Freunden wird eine hierarchische Beziehung angenommen. Diese Kinder könnte also dazu neigen eine Führungsrolle einzunehmen, dort wo es angebracht ist und auch dort, wo es nicht angebracht ist. So interpretierten Harter und Chao, dass Kinder mit personifizierten imaginären Freunde eher die Konzepte einer Eltern-Kind-Beziehung übernehmen, statt egalitäte soziale Beziehungen aufzubauen.

 Eine weitere Frage wirft diese Studie auf. Es gibt eine robuste Beziehung zwischen dem Symbolspiel und sozial kompetentem Verhalten. Dies wird allerdings nicht durch das Kreieren eines imaginären Gefährten unterstützt. Wie schon gesagt, das wirkt sich auch nicht richtig nachteilig aus, aber eine positive, fördernde Wirkung wäre vielleicht eher zu erwarten gewesen.

 Zu den Einschränkungen der Studie

Man kann darüber streiten, ob die negativen Nominierungen durch die Lehrer eine adäquate Abbildung der Wirklichkeit darstellen.

Die Kinder, die personifizierte imaginärte Freunde hatten, brachten diese auch in die Schule mit. Das könnte die Lehrer beeinflußt haben.

Die Stichprobe ist auch nicht sonderlich groß. Im Fall der unsichtbaren imaginären Freunde sich die Mädchen überrepräsentiert, so dass eventuelle Geschlechtseffekte nicht aufgedeckt werden konnten.

Zukünftige Entwicklung

Die Unterschiede zwischen realen und echten Freunde sollten mehr herausgearbeitet werden. Es könnte einen Zusammenhang geben zwischen dem Verhalten gegenüber imaginären Freunden und dem Verhalten gegenüber realen Freunden. Die Natur von Freundschaften mit personifizierten imaginären Freunden und der entsprechenden Korrelate in der Kognition und sozialen Erfahrung sollten erforscht werden. Konkret könnte es interessant sein, die Unterschiede zwischen den verschiedenen Konzepten imaginärer Freunde und den dahinter liegenden Funktionen zu erforschen.

„Imaginary Companions and Peer Acceptance“, Tracy R. Gleason

Advertisements

2 Kommentare

Eingeordnet unter Entwicklung, Studien

2 Antworten zu “Imaginäre Gefährten und Peerakzeptanz – Warum Diktatoren (vielleicht) Teddybären lieb haben!

  1. I am often to blogging and i actually respect your content. The article has actually peaks my interest. I’m going to bookmark your website and keep checking for brand spanking new information.

  2. Silence is a text easy to misread.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s