Intelligenz und weitere Intelligenzkonzepte

Der Beginn der 90er Jahre steht in der Psychologie für neue, alternative Intelligenzkonzepte. Seither lässt sich eine regelrechte „Inflation der Intelligenzen“ beobachten. 

Die neuen Intelligenzkonzepte unterscheiden sich zunächst in dem Bereich, den sie erfassen.

Das gibt es welche, die als Ergänzungen zum traditionellen Intelligenzkonzept gedacht sind. Dazu gehören die soziale, emotionale, praktische und operative Intelligenz.

 Neue breiter gefasste Intelligenzkonzepte streben dagegen eine Ablösung des alten Intelligenzkonzeptes ab.

 Soziale Intelligenz

Schon Thorndike unterschied zwischen abstrakter, mechanischer und sozialer Intelligenz. Er umschrieb soziale Intelligenz als „the ability to understand and manage men and women, boys and girls – to act wisely in human relations“.

Diese Definition beinhaltet einem die Fähigkeit zur Empathie und die Fähigkeit zur Gestaltung zielgerichteter Interaktionen.

Cantor und Harlow beschreiben soziale Intelligenz dagegen als die Fähigkeit, alltägliche Probleme zu lösen und gesetzte Ziele zu erreichen. Dies setzt soziale Intelligenz mit erfolgreicher Lebensführung und Anpassung gleich.

Emotionale Intelligenz

Das Konzept der emotionalen Intelligenz stammt von Salovey und Mayer.  der Diese Form der Intelligenz umfasst eine Wahrnehmungskomponente und eine darauf aufbauende Handlungskomponente. Darüber hinaus werden mit dem Konzept der emotionalen Intelligenz noch weitere Fähigkeiten betont: die Fähigkeit zur Wahrnehmung der eigenen Gefühle, die Fähigkeit zum angemessenen Ausdruck und die Fähigkeit zur Produktion und Regulation von Emotionen mit dem Ziel, gedankliche Prozesse und Problemlösen zu finden.

Insgesamt bleibt das Konzept eher vage.

 Praktische Intelligenz

Dörner spricht in dem Fall von operativer Intelligenz. Damit wird die Fähigkeit begriffen, komplexe Probleme im Alltag zu identifizieren, zu definieren und gute Lösungen für sie zu finden.

Für Sternberg ist tacit knowledge – implizites, nicht verbalisiertes Wissen – das Kernstück der praktischen Intelligenz. Dieses tacit knowledge ist handlungsbezogenes, prozedurales Wissen. Zudem ist es nützliches Wissen, da es der Erfüllung persönlicher Ziele und Bedürfnisse dient. Meistens wird es ohne direkte Hilfe von anderen erworben, meistens durch Reflexion eigener Erfahrungen.

Diese Konzepte gehören eher zur Gruppe der ergänzenden Intelligenzkonzepte. Daneben gibt es noch die breit aufgestellten, pluralistischen Intelligenzkonzepte.

Sternbergs triarchisches Modell verknüpft die analytische, die praktische und die kreative Intelligenz miteinander. Darüber thront die Successful Intelligence, die den flexiblen Einsatz der drei Intelligenzformen beinhaltet. Damit versteht Sternberg Intelligenz als die Fähigkeit, innerhalb einer gegebenen Kultur erfolgreich zu sein. Doch was heißt das: Erfolg haben? Viele weitere Fragen kommen noch hinzu!

Das pluralistische Modell von Gardner beinhaltet sieben Intelligenzen: sprachliche, musikalische, logisch-mathematische, räumliche, körperbezogen-kinästhetische, sowie intrapersonelle und interpersonelle Intelligenz.

Weitere Kandidaten stehen auch schon bereit: z.B. die naturbezogene Intelligenz!

Warum sind diese Intelligenzkonzepte so umfassend?

Die Antwortet ist simpel. Sternberg und Gardner meinen, dass die Bandbreite menschlicher Intelligenz nur durch multiple Intelligenzen abgebildet werden kann. Da mag was dran sein!

 Was sind die Gründe für die neuen Theorien der Intelligenz?

Die bewährten Intelligenzkonzepte verwenden künstliche und künstlich konstruierte Aufgaben, um die Intelligenz zu messen. Wo bleibt der Bezug zum Alltag oder der praktische Bezug zum Berufsleben? 

Die prädiktive Validität der üblichen Intelligenztests für den Berufserfolg ist nur mäßig.

Die bekannten Intelligenztests führen zu einer strengen Selektion einer relativ kleinen Gruppe von auf ihrer Basis definierten Erfolgreichen. (Der Begriff der Intelligenz wird also von Intelligenten konstruiert.) Das mag dazu führen, dass große Begabungsressourcen verkümmern.

Welche Einwände könnte man nun anführen?

Es gibt leider viele methodische und theoretische Probleme mit all den neuen Intelligenzen.  

Methodische Probleme

Leider fehlt es an zuverlässigen Verfahren, die jeweiligen Konzepte zu messen. Die vorhandenen Testverfahren testen keine Leistungen (z.B. Trait-Meta-Mood-Scale von Salovey et al.), es fehlt der Nachweis diskriminanter und konvergenter Validität im Hinblick auf bekannte Intelligenzteste und die Frage, wie die Güte einer emotional intelligenten Leistung festgestellt werden kann, bleibt weiterhin unbeantwortet (es gibt ja keine eindeutig richtigen Lösungen wie bei Messverfahren für die akademische Intelligenz).

Theoretische Probleme

Der Begriff der Intelligenz wird durch die neuen Theorien derart aufgebläht, dass er alles (und nichts) misst. Intelligenz wird dann fast gleichbedeutend mit Verhalten.

Mit der Ausdehnung stellt sich auch die Frage der multiplen Kriterien, die Erfolg definieren sollen. Da Erfolg eine gruppenbezogene soziale Konstruktion ist, wandert man so von der Psychologie zur Philosophie. Misst man das Verhalten an multiplen Kriterien, kann das Ergebnis je nach Kriterium mal so, mal so ausfallen. Welchen Informationsgewinn kann dann ein Test erbringen?

Man könnte argumentieren, dass all die neuen Intelligenzkonzepte all das sind, was mit üblichen Intelligenztests gemessen werden sollte. Wenn jemand in einem klassischen Intelligenztest gut abschneidet, dann würde man normalerweise auch gute Werte in emotionaler, sozialer oder praktischer Intelligenz erwarten.

Es stellt sich die Frage, ob ein Konstrukt wie die „soziale Intelligenz“ ein genuin psychologisches Konstrukt oder eher ein sozial definierter Begriff ist? 

(Zusammengefasst von „Weber,H. & Westmeyer, H.(2001). Die Inflation der Intelligenzen. Ein Überblick. In E.Stern & J.Guthke (Hrsg.), Perspektiven der Intelligenzforschung (S. 251-266). Lengerich: Pabst.)

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3 Kommentare

Eingeordnet unter Diagnostik

3 Antworten zu “Intelligenz und weitere Intelligenzkonzepte

  1. Meiner Meinung nach stellt man mit Intelligenztests gerade einmal das logische Denkvermögen fest und keine Kreativität oder auch keine Fähigkeiten im Beruf. Auch hochbegabte Kinder können sehr schlechte Noten in der Schule haben. Intelligenz ist somit relativ.

  2. fragmentjunkie

    Intelligenztest ist ja nicht gleich Intelligenztest. Daher kommen unterschiedliche Tests bei der gleichen Person u.U. zu einem anderen Ergebnis. Daher kann man nicht sagen, dass sie alle alleine das logische Denkvermögen messen, denn dann würden die Ergebnisse ja ähnlicher sein.

    „Auch hochbegabte Kinder können sehr schlechte Noten in der Schule haben. “
    Ich weiß nicht, wie man Hochbegabung diagnostiziert! Ausser mit einem Intelligenztest?

  3. Pingback: WIT-2 (Wilde-Intelligenz-Test 2) | Psychoblogie für Anfänger

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