Welche Ursachen führten zur Krise und letztlich zum Niedergang der Psychotechnik?

Die Psychotechnik erlebte ihren Durchbruch noch in den Jahren vor dem ersten Weltkrieg. Es war William Stern, der den Begriff prägte. Doch erst Hugo Münsterberg gelang es, die Psychotechnik zu popularisieren. Er betrachtete die Psychotechnik als “die Wissenschaft von der praktischen Anwendung der Psychologie im Dienste der Kulturaufgaben”.

Der Begriff Psychotechnik setzte sich in so ziemlich alle Länder durch. Eine Ausnahme bildeten die USA, in denen immer von Applied Psychology die Rede war. Wie verbreitet die Psychotechnik damals war, lässt sich gut daran zeigen, dass im Jahr 1926 in “ca. 110 Industrieunternehmen im Deutschen Reich psychotechnische Untersuchungen durchgeführt” wurden.


Allerdings erlebte die Psychotechnik schon vor dem 2. Weltkrieg ihren Niedergang.
Sowohl bei den Arbeitgebern als auch bei den Gewerkschaften gab es vereinzelt kritische Stimmen. Einer der Hauptgründe war sicherlich die Weltwirtschaftskrise. Aber innerhalb der Zunft der Psychotechniker kam es auch zu einer Lagerbildung zwischen einer akademisch orientierten Gruppe um Stern und einer eher praktisch interessierten Gruppe um Walter Moede. Auch die einsetzende geisteswissenschaftliche Strömung in der Psychologie, die von Eduard Spranger ausging, beschleunigte diese Entwicklung. Nicht zuletzt muss man auch erwähnen, dass die damaligen Befunde zur Güte der Prognosen, die die Psychotechnik lieferte, recht bescheiden waren. Diese Ergebnisse sind aber auch den damals unterentwickelten statistischen Methoden zur Messung der Validität geschuldet. Das was von der Psychotechnik vielleicht übrig geblieben wäre, ist am Ende durch die Machtergreifung der NSDAP zu nichte gemacht worden. Denn prominente Vertreter der Psychotechnik wie Stern, Lipmann und Lewin mussten infolge dessen emigrieren.
Schon während des ersten Weltkrieges lebte mit Münsterberg ein bekannter Psychotechniker in den USA. Leider geriet er zusehend in die Isolation, was auch dazu führte, dass sogar seine Schüler seine Arbeit und seine Werke in Frage stellten. Einer der Gründe für die Demontage lag darin, dass Münsterberg politisch, fachlich und sprachlich fest verwurzelt mit Deutschland blieb. Der damals deutschfeindlichen Stimmung in den USA konnte er auch nicht entgehen, als er u.a. als “Monsterburg” verunglimpft wurde.

*alle Zitate stammen aus Helmut E. Lück, 2009, Geschichte der Psychologie

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter AO Psychologie, Geschichte der Psychologie

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s