Die kompetente Community

Ein Grund für die Entstehung der Gemeindepsychologie war die Einsicht, dass soziale Probleme nicht einfach evaporieren werden. Die Vernachlässigung sozialer Probleme führt vielmehr zu mehr Gewalt, Drogenmissbrauch und sonstiger Kriminalität, die sich etabliert und nicht mehr einfach durch Blitzprogramme mit schnellem Geld und reichlich Ressourcen gesenkt werden kann.

Gemeindepsychologen müssen dabei auf das Wissen vielfältiger Disziplinen und anderen Bereich der Psychologie zurückgreifen. Dabei gilt es, sich nicht auf Definitionsstreitigkeiten einzulassen, sondern so gut es geht vorzugehen. Ein hohes Maß an Ambiguitätstoleranz ist demnach gefragt.

Eines der wichtigsten Konzepte ist das der kompetenten Community. In dessen Kern geht es um die Stärkung der Kompetenz der Menschen, die mit diversen Problemen zu kämpfen haben.

Das Konzept ist allerdings alles andere als neu. Das Konzept der positiven mentalen Gesundheit (positive mental health) von Lehmann weist einige Parallelen in diesem Bereich auf. Es geht nicht primär um das Vorhandensein der Probleme, sondern um die Art und Weise wie sie bewältigt werden. Die Bewältigung von Problemen (Coping) steht im Vordergrund und weniger die Anpassung. 

 

Das ist nämlich ein Aspekt der Communitys untescheidet! Communities von Mittelklasse-Familien verfügen über die Mechanismen und über eine Erfolgsgeschichte auf diesem Gebiet. Die niederen Ebenen der sozio-ökonomischen Sphären können weder Erfolge vorweisen, noch könnten sie diese im Fall des Falles nach außen kommunizieren.

Wie kann ein Gemeindepsychologe der entrechteten Community helfen?

Zu allererst ist eine detaillierte Kenntnis der Community erforderlich. Was sind die Probleme? Wer sind die Anführer? Wem wird innerhalb der Community vertraut? Welche Art von Wandel muss im Bildungs- und Sozialbereich stattfinden?

In den USA kann das mitunter dazu führen, dass der Einsatz von standardisierten Intelligenztests durch ein Gericht verboten wird, wenn es um die Klassifikation von Schülern aus Minoritätsfamilien geht.

Auf dem Weg etwas zu bewirken, muss der Gemeindepsychologe eventuell feststellen, dass sozial benachteiligte Communities nicht immer die Ziele anstreben, die typisch für die Mittelklassen sind. Die Prioritäten dürften von Community zu Community schwanken.

Charakteristisch für die kompetente Community ist, dass es ein Repertoire an Möglichkeiten und Alternativen gibt. Charakteristisch für die benachteiligte Community ist dagegen das niedrige ökonomische Level aber auch das psychologische Unvermögen, das typischerweise durch ein Gefühl der Hoffnungs- und Machtlosigkeit repräsentiert wird. Einer solchen Community mangelt es an Einfluss.

Überraschenderweise kommt aus eben diesen Communities der größte Widerstand gegen die Forschung. Misstrauen, Argwohn und aktiver Protest sind durchaus üblich. Dann ist es schwer diese Personen, von den Möglichkeiten der Gemeindepsychologie zu überzeugen. Aber nicht unmöglich!

Ein großes Ziel eines Gemeindepsychologen ist dabei die Herstellung eines produktiven Dialogs zwischen den existierenden Machtstrukturen und einer entstehenden kompetenten Community. Des weiteren sollte beachtet werden, dass ein Einsatz nicht über unbegrenzte Zeit läuft. Im Erfolgsfall muss man sich von der Community trennen.

Ein Problem, dem Gemeindepsychologen begegnen müssen, ist das wenige Programme in der Vergangenheit auch evaluiert wurden. So sind manchmal umfangreiche Hilfsprogramme gestartet worden, ohne jegliche Vortests und ohne Budgets für Evaluierungsmaßnahmen. Im Unterschied zu anderen Programmen sollten gemeindepsychologische Interventionen sich darum kümmern, was die Hilfsempfänger wollen. Im schlimmsten Fall werden sie ansonsten keine Verantwortung für eine Transaktion übernehmen.

Auch erfolglose gemeindepsychologische Interventionen müssen erlaubt sein. Dann gilt es das Projekt neu zu bewerten, die Gründe zu erörtern und danach muss man wieder zur Planungsphase übergehen.

Mit der Involvierung der Empfänger muss man sich auch auf kritische Stimmen einstellen. Je ernster das Programm genommen wird, desto höher könnte die Kritik ausfallen. Leute, denen nie die Möglichkeit eingeräumt wurde, etwas zu sagen, wollen gehört werden. (Die Office of Economic Opportunity pflegte den Begriff maximum feasible participation.)

Quelle: Iscoe, Ira. Community Psychology and the Competent Community

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