Imaginäre Gefährten in der Adoleszenz

In der Studie von Inge Seiffge-Krenke wurde die Häufigkeit des Auftretens und die Funktion imaginärer Gefährten in der Adoleszenz untersucht.

Margaret Svendsen definierte den imaginären Gefährten als eine unsichtbare, benannte Person, die für den Schöpfer eine zeitlang eine psychische Realität darstellt und auf die sich der Schöpfer im Alltag beziehen kann. Im Vergleich zu Untersuchungen mit Kindern ist die Literatur zu imaginäre Gefährten in der Adoleszenz aber eher mager. Auffällig bei vielen Untersuchungen mit Kindern ist zudem die Diskrepanz der Ergebnisse. Anna Freud, Jean Piaget und Martin Manosevitz – nur um ein paar der Studienleiter zu nennen – kamen zu unterschiedlichen Ergebnissen, bei der Frage, in welchem Alter dieses Phänomen am häufigsten auftritt.

Da gab es mehr Gemeinsamkeiten bei der Feststellung der Geschlechterunterschiede: Mädchen erschaffen häufiger imaginäre Gefährten als Jungs.

Bei den Gründen für das Auftreten dieses Phänomens treten wiederum die Unterschiede in den Vordergrund. Die meisten Psychologen halten dieses Phänomen nicht für pathologisch, aber eben nicht alle! Nach Jean Piaget war ein imaginärer Gefährte eine gesunde Repräsentation des Symbolspiels von Kindern. Zudem wurde beobachtet, dass bei benachteiligten Kindern dieses Phänomen seltener auftritt, nachdem physische und psychische Bedürfnisse nicht befriedigt wurden. Das spricht auch dafür, dass ein imaginärer Gefährte ein normales Charakteristikum des präoperationalen Denkens ist.

Charles Schaefer identifizierte die Existenz eines imaginären Gefährten als einen effektiven Prädiktor für die Kreativität in der Adoleszenz. Nach Manosevitz partizipieren Kinder mit imaginären Gefährten häufiger in Familienaktivitäten. Außerdem kam er zum Ergebnis, dass die Einzelkinder oder die Erstgeborenen häufiger einen imaginären Gefährten hatten als die anderen Kinder. Dagegen gehen besonders Psychoanalytiker oft von einer Kompensationsfunktion aus.

Es ist also möglich, dass imaginäre Gefährten vielfältige Funktionen erfüllen.

Zur Prüfung bieten sich mindestens drei Hypothesen an:

–         „deficit hypothesis“: Adoleszenten mit defizitären sozialen Fertigkeiten konstruieren besonders häufig einen imaginären Freund

–         „giftedness hypothesis“: die besonders klugen oder kreativen Adoleszenten erfinden solch fiktive Personen

–         „egocentrism hypothesis“: die Konstruktion eines imaginären Gefährten ist das Ergebnis einer Präokkupation mit egozentrischen Ideen

An der Studie nahmen 241 Adoleszenten zwischen 12 und 17 Jahre teil. Es handelte sich um alle Stufen einer Schule in Deutschland von der 6. bis zur 11. Klasse.

Ein semi-strukturierter Fragebogen wurde benutzt, um einige Aspekte im Zusammenhang mit dem Führen eines Tagesbuchs zu untersuchen.

Mögliche Anzeichen für Stress wurden mit dem Problem-Fragebogen erfasst.

Bewältigung wurde mit dem CASQ (Coping Across Situations Questionnaire) erfasst.

Mit dem OSIQ (Offer Self Image Questionnaire) wurde das Selbstkonzept erfragt.

Die Rollenübernahme wurde mit dem Role-Takeing-Test gemessen.

Egozentrismus wurde mit der Adolescent Egocentrism Scale gemessen.

Als Maß für die Selbst-Offenbarung diente der Letter Test.

Schließlich wurde die Kreativität mit dem Torrance Test of Creative Thinking gemessen.

Der semi-strukturierte Fragebogen wurde von zwei von einander unabhängigen Helfern ausgewertet. Für die Motive konnten vier verschiedene Kategorien gebildet werden:

–         Trend/Chance

–         Gedächtnisstütze

–         keine Vertrauensperson

–         Hilfreich für die Verarbeitung kritischer Momente

Es gab separate Auswertungen für verschiedene Gruppen, die nach Geschlecht und Tagebuch (Tagebuchschreiber oder nein?) getrennt wurden.

Ergebnisse

Ca. 40% der Jugendliche führen ein Tagebuch. Die Subgruppe der Tagebuchschreiber unterschied sich im Hinblick auf soziodemographische Merkmale in keinster Weise von denen, die kein Tagebuch schreiben. Auffällig war, dass viel mehr Mädchen ein Tagebuch führen als Jungen.

Insgesamt waren die Tagebuchschreiber zufriedener mit sich selbst, der Welt und mit ihren sozialen Beziehungen zu anderen Peers. Sie waren auch kreativer und bereit, mehr von sich selbst zu offenbaren. Außerdem war der Coping-Stil viel aktiver. Sie schnitten auch besser ab bei der Rollenübernahmen und der Koordination der Perspektiven.

In Bezug auf Coping, Rollen-Übernahmen, Kreativität und Selbstkonzept gab es keine Unterschiede zwischen männliche und weibliche Tagebuchschreiber.

Am häufigsten führen 14-jährige ein Tagebuch, und zwar mit einer Wahrscheinlichkeit von 47%.  Mehr Mädchen als Jungen sprachen das Tagebuch mit einem Namen an.

Konkret: Jedes zweite Mädchen, aber nur jeder fünfte Junge sprach das Tagebuch mit einem Namen an. Doch auch ohne Namen erfüllte das Tagebuch für 60% der Mädchen und 30% der Jungen die Rolle eines imaginären Gefährten. Offenbar wählten beide Geschlechter häufiger weibliche imaginäre Gefährten. Die Jungen erschufen einen sehr selbstähnlichen imaginären Gefährten, während die Mädchen eine zwar ähnliche aber auch mit Unterschieden ausgestattete Kopie ihrer selbst als Gefährten konstruierten.

Doch das gilt nur für ein Alter bis zu 14 Jahren. Danach bevorzugten die Jugendlichen in der Regel einen älteren imaginären Gefährten.

Eine hierarchische multiple Regression offenbarte folgende Prädiktoren:

–         Tagträumen

–         Aktiver Bewältigungsstil

–         Positives Selbstwertgefühl

Etwas überraschend ist, dass die Bereitschaft zur Selbst-Offenbarung und die Bereitschaft zur Rollenübernahme keine signifikanten Prädiktoren waren.

In der Studie kam auch heraus, dass Tagebuchschreiber kreativer waren als ihre Gegenparts. Es gab aber keinen Unterschied zwischen Tagebuchschreiber mit und ohne imaginären Gefährten. Also ist nicht Kreativität die Triebfeder für das Konstruieren eines imaginären Gefährten sondern der Hang zu Tagträumen.

Ferner konnte keine der drei Hypothesen bestätigt werden. Eine These, die man zukünftig prüfen könnte ist: Interaktionen mit einer fiktiven Person, die Selbst-ähnliche Eigenschaften hat, könnte dem Jugendlichen dabei helfen, die eigene Identität zu entwickeln.

Quelle: Seiffge-Krenke, I.1997. Imaginary companions in adolescence: sign of a deficient or positive development? Journal of Adolescence, 20,137-154.

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