Über die Ursachen einer Straftat

Nach dem Amoklauf in Tucson, Arizona, wurden bestimmte politische Kräfte innerhalb der USA angegriffen, da sie angeblich das Attentat durch ein politisches Klima des Hasses angestachelt hätten. Die am schärfsten attackierte Sarah Palin sah sich nun zu einer Stellungnahme gezwungen.
Das Transkript finden sie hier.

In der Rede findet man einige implizite Theorien über die Persönlichkeit des Menschen. Sie entstammen dem Alltagsverständnis von dem, was die Psychologen Persönlichkeit nennen. Anhand einiger Passagen aus der Rede soll dieses Alltagsverständnis mit psychologischen Theorien der Persönlichkeit verglichen werden.

„… It’s inexcusable and incomprehensible why a single evil man took the lives of peaceful citizens that day.
In diesem Satz spricht sie von einem unverzeihlichen und unbegreiflichen Akt. Da würden alle zustimmen.

„…. We saw the tenacity of those clinging to life, the compassion of those who kept the victims alive, and the heroism of those who overpowered a deranged gunman.“
Der Amokschütze wird als verwirrt bzw. geistesgestört bezeichnet. Das an sich ist mehr als Appell zu verstehen. Sarah Palins Rede hat natürlich in erster Linie kommunikativen Charakter.

„Like many, I’ve spent the past few days reflecting on what happened and praying for guidance. After this shocking tragedy, I listened at first puzzled, then with concern, and now with sadness, to the irresponsible statements from people attempting to apportion blame for this terrible event.“

„President Reagan said, “We must reject the idea that every time a law’s broken, society is guilty rather than the lawbreaker. It is time to restore the American precept that each individual is accountable for his actions.” Acts of monstrous criminality stand on their own. They begin and end with the criminals who commit them, not collectively with all the citizens of a state, not with those who listen to talk radio, not with maps of swing districts used by both sides of the aisle, not with law-abiding citizens who respectfully exercise their First Amendment rights at campaign rallies, not with those who proudly voted in the last election.

Die obige Passage ist voller Annahmen über den Zusammenhang und die Wechselwirkungen zwischen Individuum und Umwelt.
Zunächst sei der Gesetzesbrecher schuldig und nicht die Gesellschaft. Jedes Individuum sei verantwortlich für die eigenen Taten.
Kriminelle Akte stünden für sich selbst, sie begännen und endeten beim Kriminellen selbst.

„..There are those who claim political rhetoric is to blame for the despicable act of this deranged, apparently apolitical criminal. And they claim political debate has somehow gotten more heated just recently. But when was it less heated? ……. If men and women were angels, there would be no need for government. Our Founders’ genius was to design a system that helped settle the inevitable conflicts caused by our imperfect passions in civil ways. So, we must condemn violence if our Republic is to endure.“

Sie verneint wiederum, dass die politische Rhetorik einen Einfluß auf den Schützen gehabt habe. Gleichzeitig räumt sie ein, dass Menschen keine Engel seien und Konflikte gewissermaßen vorprogrammiert seien.

„…We need strength to not let the random acts of a criminal turn us against ourselves, or weaken our solid foundation, or provide a pretext to stifle debate.“
Nun wird den kriminellen Taten ein gewisser Zufallscharakter zugesprochen. Sie passieren eben, weil die Menschen keine Engel sind. Dagegen muss man sich schützen, aber die Gründe selbst kann man nur beim Individuum suchen.

Wie sieht die Theorie in der Persönlichkeitspsychologie dazu aus?

Aus der Sicht des Eigenschaftsparadigmas existiert das Bild des Menschen als eine Fülle von Eigenschaften. Die Eigenschaften eines Menschen bilden sein Profil. Dieses unterscheidet sich immer ein wenig von dem Profil aller anderen Menschen.
Jeder Mensch ist in gewisser Hinsicht:
a) wie jeder andere Mensch
b) wie mancher andere Mensch
c) wie kein anderer Mensch
[nach Kluckhohn, Murray und Schneider (1953)].

Doch die Persönlichkeitseigenschaften sind unterschiedlich stabil. Intelligenz ist eher stabil. Ehrlichkeit kann hingegen einen stark situationsabhängigen Charakter annehmen.

Nach dem Informationsverarbeitungsparadigma ist der Mensch eine Art Wesen, das sensorische Informationen aufnimmt, verarbeitet und bearbeitet. In diesem Zusammenhang spielen das Kurz- und Langzeitgedächtnis eine gewichtige Rolle.
Unterschiede zwischen Menschen hängen also mit der Geschwindigkeit elementarer Informationsverarbeitungsprozesse und der Kapazität des Arbeitsgedächtnisses zusammen. Ausserdem sind die unterschiedlichen Inhalte des Langzeitgedächtnisses relevant.

Ähnlich dachte übrigens auch der Begründer der Psychoanalyse Sigmund Freud (1856–1939). Freud nahm an, dass unser Verhalten zum größten Teil durch unbewusste Prozesse gesteuert wird, die dem Bewusstsein gänzlich verborgen sind, und durch vorbewusste Prozesse, die nur unter bestimmten Bedingungen bewusst gemacht werden können.
Aus heutiger Sicht können diese Prozesse mit Informationsverarbeitungsprozessen gleichgesetzt werden.

Das dynamisch-interaktionistische Paradigma beschäftigt sich mit Persönlichkeitsentwicklung: Wie stark und warum ändert sich die Persönlichkeit im Verlauf des Lebens von der Zeugung bis zum Tod?
Die Interaktion bezieht sich auf die Wechselwirkung zwischen Individuum und Umwelt.
Unterschiede in der Persönlichkeit könnten also mit unterschiedlichen Lernerfahrungen erklärt werden.

Das neurowissenschaftliche Paradigma der Persönlichkeitspsychologie
versucht, Persönlichkeitsunterschiede neurowissenschaftlich
zu beschreiben und zu erklären. Neben den Nerven werden aber auch das Herz-Kreislauf-System, das Immunsystem und das hormonelle System betrachtet.

Das molekulargenetische Paradigma der Persönlichkeitspsychologie geht davon aus, dass individuelle Unterschiede in der Persönlichkeit durch Allelmuster erklärt werden können. Einzelne Allele können somit einen massiven Einfluß auf die Persönlichkeit haben.
Doch auch die Umwelt hat einen Einfluß auf die Persönlichkeit wie die Erkenntnisse zum MAOA-Gen nahelegen.

Charles Darwin ist gewissermaßen der Stammvater des evolutionspsychologischen Paradigmas, nach dem die Variation innerhalb von Arten auf Variation und natürlicher Auslese beruht.

Die drei letzten Paradigmen sind stark biologisch orientiert, was dem aktuellen Trend entspricht. Dort wird der größte Zuwachs an Forschungsaktivität verzeichnet.
Es sind auch die Paradigmen, die Sarah Palins Sicht der Persönlichkeit zumindest nicht widersprechen. Aus diesem Standpunkt kann der Mensch als ein völlig autonomes Wesen betrachtet werden, was allein verantwortlich für seine Eigenschaften und die daraus folgenden Taten ist.

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