Kultur und Zukunftsdenken

Die Person, die sich der Vergangenheit bewusst ist, weiß über die Zukunft Bescheid. Nach Edward Tolman sollten die Erwartungen einer Person die Performanzgeschichte derselben Person reflektieren. Das sind kognitive Variablen, die es erlauben die Motivation und Handlung einer Person zu prognostizieren.

Das zentrale Konzept von Boesch ist das Ich-Gefühl (ego-potential). Dies ist verwandt mit dem Konzept der Erwartung. Generell wird ja angenommen, dass optimistische Erwartungen Ausdauer, Anstrengung und Erfolg in verschiedenen Lebensdomänen fördern.

Ziele bei Boesch

Boesch sprach schon früh über Ziele und Aspirationen. Von seinem Standpunkt aus entscheiden die subjektive Valenz des Ziels und dessen Machbarkeit, ob eine Person ein Ziel tatsächlich verfolgt. Wenn es darum geht, wie eine Person das Ziel verfolgt, spielen motivationale und kognitive Prozesse eine Rolle. Dies kann auch in Form einer negativen Feedback-Schleife geschehen, indem Ist- und Soll-Wert verglichen werden. Durch das Erreichen eines Ziels wird letztendlich das Ich-Gefühl gestärkt.

Fantasmen bei Boesch

Fantasmen sind kognitive Werkzeuge, um situationsspezifische Fantasien zu produzieren. Es sind Handlungsschemata, die sich auf den Zusammenhang zwischen Umwelt und Umgebung beziehen. In gewisser Weise sind sie den Selbst-Schemata von Markus ähnlich.

Fantasmen können sich auf jedes für das Selbst bedeutende Thema beziehen.

Fantasien

Fantasmen spezifizieren Fantasien in einer bestimmten Situation, sie sind durch konkrete einzelne Fantasien beeinflusst. Wie das Ich-Gefühl der Person, sollten sie sich an der vergangenen Performanz des Individuums orientieren und gehen nicht notwendigerweise zum Bereich des Irrationalen.

Emergenz von Zielen

Fantasien können zwar Handlungen zur Erreichung eines Ziel ermöglichen, sie können aber auch genau jene Handlungen erschweren. „Das fantasierende Durchspielen von Befriedigungen (kann) die Handlungsbereitschaft ansteigen, möglicherweise aber auch sinken lassen.“

Erwartungen im Vergleich zu Fantasien

Beide, das Ich-Gefühl und Fantasien basieren auf vergangene Erfahrungen. Doch nur Erwartungen sind in der Vergangenheit verankert.

Schon William James unterschied zwei Formen des Denkens über die Zukunft:

–         Erwartungen (expectancy judgments)

–         freie Fantasien (free fantasies)

Positive Erwartungen sollten zu mehr Motivation und Handlung führen.. Positive Fantasien sollten dagegen die Motivation, einen erwünschten Zustand zu erreichen, reduzieren.

Um diese Hypothese wurden mehrere Korrelationsstudien in verschiedenen Bereichen durchgeführt.

Gesundheitsbereich

Sowohl Erwartungen als auch Fantasien sagten zukünftigen Gewichtsverlust gut vorher, allerdings mit unterschiedlichen Vorzeichen. Nach einem Jahr verloren die Patienten mit positiven Erwartungen 12 Kilos mehr als die Patienten mit negativen Erwartungen. Die Patienten mit positiven Fantasien verloren dagegen 11 Kilos weniger als die Patienten mit negativen Fantasien. Die Kombination von positiven Fantasien und negativen Erwartungen führte sogar zu einer Gewichtszunahmen nach einem Jahr. Die Kombination aus negativen Fantasien und positiven Erwartungen verbuchte hingegen die größten Abnehmerfolge.

Das Ergebnis deutet an, dass das bloße Vorstellen einer erfolgreichen Handlung den Menschen so befriedigen kann, dass es das Zustandekommen einer eigentlich Handlung behindert.

Berufskarriere

Das Ergebnis konnte bei Studienabsolventen repliziert werden. Es zeigte sich, dass Personen mit höheren Erwartungen mehr Jobs und höhere Gehälter angeboten bekamen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass positive Fantasien negative Auswirkungen auf die Verwirklichung der Ziele hatten. Positives Denken hilft nur im Fall der Erwartungen aber nicht im Fall der Fantasien. Der schwierige und mühselige Weg für Menschen besteht darin, dass sie positive Erwartungen aber nicht positive Fantasien aufbauen.

Freie Fantasien in verbindliche Ziele umwandeln

Das Problem besteht darin, dass Personen, die positive Fantasien generieren den Erfolg selbstverständlich erwarten. Wenn allerdings die positiven Fantasien mit der negativen Realität mental kontrastiert werden, dann sollte das Bedürfnis entstehen zu handeln. Dies sollte also zum Ausbilden verbindlicher bzw. bindender Ziele führen.

Hierbei ist noch zu beachten, dass auch Personen, die nur negativ über die Realität grübeln, ebenfalls nicht handlungsaktiv werden.

Zwischenmenschliche (interpersonale) Beziehungen

Studentinnen wurden gefragt eine zwischenmenschliche Angelegenheit zu nennen, die in dem Moment sehr wichtig für sie war. Sie sollten die Wahrscheinlichkeit abschätzen, dass sie mit einem Happy End gekürt wird.

In der Fantasie-Realität Kontrastgruppe sollten die Studenten Aspekte des Happy Ending und der negativen Realität nennen.

In der Nur-Fantasie Gruppe sollten die Studenten nur in positiven Fantasien schwelgen.

In der Nur-Realität Gruppe sollten die Studenten nur an die negative Realität denken.

Unmittelbar danach wurden beide Gruppen befragt, wie energetisiert und wie aktiv sie sich fühlten.

Am meisten energetisiert fühlten sich die Personen der Fantasie-Realität Kontrastgruppe, vorausgesetzt, dass die hohe Erfolgs-Erwartungen hatten. Im Falle niedriger Erwartungen waren die Personen der Fantasie-Realität Kontrastgruppe am unaktivsten.

Die Studenten der beiden anderen Gruppen rangierten zwischen den beiden Extremen.

Zusammenfassung

Das mentale Kontrastieren positiver Fantasien und der negativen Realität scheint die Menschen dazu zu bewegen, ihre Fantasien in Ziele umzuwandeln. Das mentale Kontrastieren dient als Selbst-regulatorisches Werkzeug für die Transformation von freien Fantasien einer Person in verbindliche Ziele.

Fantasien sind ein Substitut für Handlungen. Die Zukunft verspricht, was der Alltag versagt. Dabei kommen Rationalisierungen oft gelegen, um Fantasien fortzusetzen.

Freie Fantasien und das Ich-Gefühl

Boesch nimmt an, dass positive Fantasien aber auch Selbst-Reflektionen genutzt werden können, um das Ich-Gefühl zu schützen.

Doch das Ich-Gefühl zu schützen, indem man habituell fantasiert oder ruminiert, sollte langfristig negative Konsequenzen mit sich bringen. Die Person wird umgeben sein von unvollendeten Dingen (unfinished business). Langfristig bedeutet es auch eine Verschwendung der eigenen Ressourcen. Schließlich wird es dazu führen, dass das eigene Ich-Gefühl geschwächt wird.

Freie Fantasien und Lebensspannen-Entwicklung

Habituelles Fantasieren und Ruminieren sollten die Entwicklung über die Lebensspanne gefährden. Nach dem SOK-Modell von Baltes ist Selektion der erste Schritt gefolgt von der Optimierung. Das garantiert eine Entwicklung in wenigen Bereichen. Doch eine nur fantasierende oder nur eine ruminierende Person wird nichts auswählen und somit auch keine Möglichkeit der Optimierung bekommen.

Freie Fantasien und zwischenmenschliche Beziehungen

Besonders das habituelle Fantasieren sollte zwischenmenschliche Beziehungen stören. Denn die Realität zu ignorieren bedeutet, die Handlungen und Bedürfnisse anderen Personen nicht wahrzunehmen. Großflächige Konnotationsnetze, die dazu dienen, Hinweise aus der Umwelt als Quellen für Fantasien zu nutzen, können einen teuflischen Kreislauf auslösen.

Wann sind freie Fantasien wohltuend?

So schädlich sie auch sein können, sind sie letztlich die Quelle der Ziele und des Zielstrebens. Dazu können sie für Kurzzeitvergnügungen sorgen und depressive Episoden unterbrechen. Sie können somit Geduld generieren, um auf bessere Zeiten zu warten.

Fantasien über die Zukunft in verschiedenen Kulturen

Eine Kultur dient als Quelle und als Ergebnis von Fantasieren, Ruminieren und mentales Kontrastieren. Kulturelle Faktoren beeinflussen nicht nur den Inhalt der Fantasie, sondern auch die Art und Weise, wie Fantasien behandelt werden. Kulturen sollten sich hinsichtlich der Bevorzugung Selbst-regulatorischer Gedanken unterscheiden:

–         Fantasien über die Zukunft

–         Ruminieren über die Gegenwart

–         Mentales Kontrastieren der Fantasie mit der Realität

Norm-Orientierung: Schwach vs. Stark

In traditionellen Gesellschaften dienen Mythen als Grundlage für Handlungen. Doch in modernen Gesellschaften haben diese Rolle die Erwartungen übernommen. In traditionellen Kulturen sollten dagegen Erwartungen nur eine geringe Rolle spielen. In modernen Gesellschaften, in denen starke Normorientierung vorliegt, sollten dagegen Fantasien gefördert werden. Dies sollte wiederum auch die Gesellschaft stabilisieren.

In modernen Gesellschaften mit schwacher Normorientierung sollte mentales Kontrastieren die vorherrschende Form des Selbst-regulatorischen Denkens sein.

Doch dies gilt nur für die Langzeitperspektive.

Zeitperspektive: Kurz vs. Lang

Boesch interpretierte das Haiku, das dreizeilige Gedicht der Japaner, als eine Zeitperspektive, die typisch japanisch ist. Es reflektiert den Fokus der Japaner auf das Hier und das Jetzt. Aus der Sicht von Boesch ist Japan sowohl durch eine starke Normorientierung als auch durch eine Kurzzeit-Perspektive.

Für diese Kultur sollte weder das Fantasieren noch das mentale Kontrastieren das dominante Selbst-regulatorische Denken sein. Stattdessen sollten mentale Stimulationen, wie eine bestimmte Aufgabe im Hier und Jetzt umzusetzen ist, dominant sein.

Was ist nun mit Gesellschaften, die eine schwache Normorientierung und eine Kurzzeitperspektive aufweisen? Laut Gabriele Oettingen sollte es da per se keine dominante Form geben bzw. alle drei Formen wären denkbar.

Einfluss des Selbst-Regulatorischen Denkens auf die Kultur

Zeit – die Zeit sollte in Kulturen der Fantasie keine große Rolle spielen. Schließlich kann die Wartezeit als schnell fließend erlebt werden.

In Kulturen des mentalen Kontrastierens ist Zeit ein außerordentlich wertvolles Gut. Eine Verspätung indiziert, dass eine Person nicht die Mittel bzw. Ressourcen besitzt, um die angestrebten Ziele zu erreichen. Freie Zeit wird zur Selbst-Reflektion genutzt.

In Kulturen der mentalen Stimulation sollte Zeit als Mittel betrachtet werden, um ein angestrebtes Ziel zu erreichen. Fristen und Termine werden wie in Kulturen des mentalen Kontrastierens betrachtet, allerdings wie die Zeit nicht zur Selbst-Reflektion genutzt. Die Zeit sollte eine weichere Rolle, sowohl im personalen als auch im technischen Bereich.

Versagen

In Kulturen der Fantasie sollte Versagen nicht als Versagen anerkannt werden. Die Möglichkeit einen Fehlschlag nicht anzuerkennen, kann von der Gesellschaft gefördert werden und wird in dem Fall sogar noch schwieriger, es anzuerkennen.

In Kulturen des mentalen Kontrastierens sollte Versagen als solches anerkannt werden und sollte dazu führen, das Engagement oder die Loslösung zu verstärken. Somit kann ein Fehlschlag zu einem Re-Engagement oder zu einem neuen Startpunkt führen. Trotz möglicher depressiver – aber kurzzeitiger – Effekte, ermöglicht das auf längere Sicht eine höhere Flexibilität, da somit Menschen keine Lebenswege verfolgen, die über ihren Möglichkeiten liegen. In Zeiten von Naturkatastrophen oder ökonomischen Depressionen sollten also solche Kulturen flexibler agieren.

In Kulturen der mentalen Simulation sollte das Versagen als ein informatives Feedback interpretiert werden in Bezug auf die durch die Gruppe bestimmte Aufgabe. Daher sollte es zu einer verstärkten Anstrengung führen. Nur wenn eine Person sich verantwortlich dafür fühlt, dass die Gruppe das Ziel nicht erreicht, sollten negative öffentliche Emotionen und Passivität einsetzen.

Fremde Einflüße

Kulturen der Fantasie sollten ausländische Einflüsse vermeiden. Wenn sie damit konfrontiert werden, dann sollten sie entweder idealisiert (und dann in die positive Fantasie eingebunden werden) oder als Aspekt der negativen Realität wahrgenommen werden und darüber ruminieren (grübeln). Für Ausländer ist es ratsam, sich der Kultur anzupassen, indem man die Fantasmen, Fantasien und Mythen der Menschen teilt. Menschen in Kulturen der Fantasie sollten die ausländischen Einflüße nicht in ihre Handlungen integrieren (wohl aber entweder in ihren Fantasien oder negativen Realitäten).

Kulturen des mentalen Kontrastierens sollten durch fremde Einflüsse zu neuen Fantasien ermuntert werden. Fremde Einflüsse fungieren als Stimulation aber auch als Herausforderung. Kulturen des mentalen Kontrastierens sollten tolerant gegenüber der Idiosynkrasie von Ausländern.

Kulturen der mentalen Stimulation sollten fremde Einflüsse als Mittel ansehen, um die durch die Norm vorgegebenen Aufgaben im Hier und Jetzt zu bewältigen. Das bedeutet, dass fremde Einflüsse, die diese Funktion nicht erfüllen können, nicht toleriert werden. Auf diese Weise werden Kulturen der mentalen Stimulation modern und zugleich traditionell bleiben.

Religion

In Kulturen der Fantasie sollten die Religion streng befolgt werden.

In Kulturen des mentalen Kontrastierens sollten Gläubige im Endeffekt zu Agnostikern werden.

In Kulturen der mentalen Stimulation verspricht die Religion keine Erlösung in der fernen Zukunft, sondern im Hier und Jetzt.

Sehnsucht

Boesch beschrieb die Sehnsucht als das Streben nach der optimalen Resonanz.

In Kulturen, die vor allem positive Fantasien fördern, könnte eine imaginäre Harmonie für einige Zeit aufrecht erhalten werden.

In Kulturen des mentalen Kontrastierens sollten Fantasien der Harmonie mit der negativen Realität kontrastiert werden. Es wird klar, dass eine Harmonie nur eine vorübergehende Qualität hat.

In Kulturen der mentalen Stimulation muss es die Harmonie im Hier und Jetzt geben.

So verpassen die Menschen in Kulturen der Fantasie eine wunderbare Möglichkeit: „Ob eine Sehnsucht passiv auf Erfüllung wartet oder sie selbst gestaltet, kann aber über Glück oder Unglück entscheiden.“

Oettingen G. 1997. Culture and Future Thought.

Advertisements

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Entwicklung, Studien

Eine Antwort zu “Kultur und Zukunftsdenken

  1. claudia

    habe den test zuerst in englisch durchgeackert. danke für die deutschfassung! dann habe ich also alles richtig verstanden.
    ein unglaublich guter text, so vielschichtig und vielseitig übertragbar. es sind mir ganze lichterketten aufgegangen!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s