Neue Gedanken zur sunk costs fallacy

In einem älteren Beitrag schrieb ich zur sunk costs fallacy

Oft ist es ein Fehler die entstandenen Kosten bei der Entscheidung des zukünftigen Verhaltens mitzuberücksichtigen. Dennoch machen es viele genau so.

Mit dieser Einschätzung bin ich heute nicht zufrieden. Daher unternehme ich einen neuen Anlauf.

Angenommen, dass ich mir eine Karte fürs Kino bereits gekauft habe, ich aber viel lieber zu Hause bleiben und ein Buch lesen möchte. Das Geld für die Kinokarte wäre futsch. Sollte ich also ins Kino gehen, bloss weil ich die Karte bereits gekauft habe, mir also die Kosten bereits entstanden sind? Strenggenommen wäre es eine sunk cost fallacy, wenn ich ins Kino gehen würde! Ich würde nur hingehen, damit die investierten Kosten nicht umsonst gewesen wären.

Dieses Verhalten wird typischerweise als irrational bezeichnet. Bereits investierte Kosten sollten bei einer Entscheidung nicht mehr in Betracht gezogen werden. Doch ist es so einfach? Was passiert, wenn die investierten Kosten für eine Person Gründe oder auch Motivation für ein bestimmtes Handeln darstellen?In der Politik werden solche vergangene Investitionen als praktische Gründe gesehen, um an bereits beschlossenen und begonnenen Projekten festzuhalten. Neueste Beispiele sind die Elb-Philharmonie in Hamburg oder die Erweiterung der Kölner U-Bahn. Beides sind Projekte, bei denen die Kosten aus dem Ruder gelaufen sind. Man müsste erheblich mehr Geld investieren als ursprünglich geplant, weil man bereits einiges an Geld in die Projekte investiert hat.

Doch wie ist es auf der menschlichen Ebene? Wenn ich zu Hause bleibe und die Kinokarte umsonst gewesen wäre, dann bleibe ich zu Hause mit einem Gefühl des Bedauerns. Lohnt es sich dann nicht doch ins Kino zu gehen, weil man die investierten Kosten betrachtet und man das Gefühl des Bedauerns vermeiden möchte?

Zukünftiges Handeln richtet sich also auch danach, bestimmte Gefühle in der Zukunft zu vermeiden. Das wäre aber nicht der einzig mögliche Grund. Wenn ich nicht ins Kino gehe – das Geld für die Karte also praktisch weggeschmissen habe – könnte ich von Anderen als verschwenderisch angesehen werden? Wäre das ein erstrebenswertes Ziel? Umgekehrt bedeutet es, dass es ein erstrebenswertes Ziel ist, von Anderes als nicht verschwenderisch wahrgenommen zu werden.

Hinter den üblichen Überlegungen zur sunk costs fallacy steckt auch die Strategie, dass auf lange Sicht diejenigen besser fahren, die bereits getätigte Investitionen bei ihrer Entscheidungsfindung ignorieren? Praktisch jeder wird Ihnen aber genau das Gegenteil versichern. Es spricht viel dafür, dass das Gegenteil auch richtig sind. Indem wir also an Projekten festhalten, in denen wir bereits viel investiert haben, erhöhen wir die Chance, diese Projekte nicht leichtfertig abzubrechen. Dies wiederum sollte sich auf lange Sicht auszahlen. (Natürlich gibt es immer Ausnahmen, in denen ein Abbruch des Projektes trotz immenser getätigter Investitionen zu empfehlen wäre – aber wie wollen Sie den Unterschied ausmachen?)

Das heißt, dass die Tendenz bereits investierte Kosten zu beachten, dabei helfen könnte, das Ziel im Auge zu behalten und es letztendlich zu verwirklichen. Die Tendenz bereits getätigte Investitionen zu ignorieren, würde uns viel zu leicht in Versuchung führen, etwas Anderes zu machen, was die Verwirklichung vieler langlaufender Projekte erheblich gefährden würde.

Insofern könnte sich die sunk costs fallacy langfristig als vorteilhaft erweisen. Somit könnte man das Verhalten unter Beachtung der sunk costs fallacy als rational bezeichnen.

Es gibt aber weitere Gründe, wieso sich das Verhalten entsprechend der sunk costs fallacy als richtig erweisen könnte. Die Annahme, dass unsere Handlungen von heute die Zukunft beeinflussen ist plausibel. Die Annahme, dass zukünftige Handlungen die Vergangenheit beeinflussen können, ist nicht plausibel. Zumindest auf den ersten Blick nicht. Aber es wird niemand bestreiten können, dass spätere Ereignisse, die Bedeutung früherer Ereignisse verändern können. Dies kann sogar in sehr bedeutsamer Weise geschehen. Als Menschen ist es für uns wichtig, dass sich die Mühen der Vergangenheit auszahlen. Das spielt bei der Planung der Karriere eine große Rolle. Nach  McAdams erzählen amerikanische Männer und Frauen mittleren Alters ihr Leben als Folge von Erlösungsgeschichten (narratives of redemption). Etappenweise erlangen sue nach nach einer Phase der Anstrengung bzw. des Leidens einen höheren Status. Wenn man bereits getätigte Kosten ignorieren würde, wäre das nicht möglich!

Es spricht also viel dafür, dass die sunk costs fallacy kein Handlungsfehler ist, sondern ein ziemlich rationales Vorgehen darstellt. In Gedankenspielen oder auch in Experimenten zur Entscheidungsfindung (z.B. auch die Ambiguitätsaversion) werden eben oft sehr isolierte, unnatürliche Situationen geschaffen, in denen die meisten Personen falsch agieren. Das gleiche Verhalten in der normalen Umwelt dagegen ist sehr rational. Die Experimente zeigen also eher, dass es den Versuchspersonen nicht gelingt, sich in die simulierte Wirklichkeit einzudenken. Sie handeln weiter nach den in der Realität bewährten Handlungsmustern. (Dass diese Handlungsmuster in der Realität auch mal falsch sein können, steht außer Frage. Aber sie sind doch meistens die beste und erfolgsversprechendste Handlungsroute.)

Wenn ich also die Wahl hätte zwischen dem Kinobesuch und dem Buch zu Hause, würde ich wahrscheinlich ins Kino gehen. Vielleicht noch nicht mal, weil ich die Karte bereits bezahlt hätte, sondern weil ich mich mit einem Freund fürs Kino verabredet hatte. Und weil ich nicht als unzuverlässig gelten möchte, gehe ich hin. Kurzfristig muss ich also den langweiligen Film ertragen, aber langfristig wird sich das bewähren.

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Eingeordnet unter Entscheidungsfindung, Vorhersagen

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