Wie man weiß, was man wollen sollte

Viele unserer Entscheidungen treffen wir wegen unseres Bauchgefühls. Die wenigsten prüfen diese Entscheidungen hinterher und bewerten, ob das Bauchgefühl ein guter Wegweiser ist. (Ich hatte schon an anderer Stelle geschrieben, dass das Bauchgefühl hilfreich sein kann – Rekognitionsheuristik, wenn man Entscheidungen, ohne viel zu wissen, treffen muss.)

Umgekehrt heißt dies jedoch, dass man mit einer Kombination aus Bauch und Kopf seine Entscheidungen weiter verbessern kann. Drei Fehler, die man bei Bauchentscheidungen oft macht:

  1. Wir unterschätzen, den Einfluss äußerer Umstände auf unsere Gedanken und Gefühle.
  2. Wir unterschätzen, die Macht unserer Psyche bei der Verarbeitung von negativen Ereignissen.
  3. Wir überschätzen die Intensität und Dauer emotionaler Reaktion aufgrund von negativen oder positiven Ereignissen.

Ich fange mal mit dem dritten Punkt an. Jeder kennt Aladdins Wunderlampe oder den Film „Teuflisch“, in dem ein unglücklicher Mann die Möglichkeit bekommt sieben Wünsche zu äußern. Für diejenigen, die den Film nicht kennen: das macht den Protagonisten nicht glücklich. Und das ist auch in der Realität so. Man überschätzt, wie glücklich uns bestimmte Dinge machen würden, wenn sie eintreten würden. Sogar der Geist aus der Flasche könnte uns nicht auf ewig glücklich machen. (Ähnlich stellen Kinder früher oder später fest, dass das neue Hündchen als Haustier auch seine lästigen Momente mit sich bringt.)

Das klingt vielleicht etwas pessimistisch. Es hat jedoch auch eine gute Seite. Im Falle von schlechten Ereignissen überschätzen wir das zu erwartende Unglück. Die Wirkung von Pech ist eher kurz und weniger intensiv als wir selbst erwarten.

Gelegentlich unterschätzen wir auch unsere emotionalen Reaktionen. So unterschätzen Heroinsüchtige regelmäßig das zukünftige Verlangen nach Heroin. Dennoch ist dies der seltenere Fall. Häufiger kommt es, dass wir unsere zukünftigen emotionalen Reaktionen – positiv oder negativ – überschätzen.

Wir überschätzen die Trauer nach dem Ende einer Beziehung, wir überschätzen die Nachteile, die mit einer abgelehnten Bewerbung einher gehen, wir überschätzen die emotionalen Reaktionen, wenn wir keine Kinder kriegen können usw. (Dies gilt selbstverständlich bei reiner Durchschnittsbetrachtung. Ausnahmen und Ausreißer sind natürlich immer vorhanden.)

Wieso ist das so? – Nun, wir überschätzen wie stark uns das positive/negative Ereignis in Zukunft gedanklich beschäftigen wird und unterschätzen den Einfluss anderer Ereignisse (Punkt 1 in der Aufzählung.) Wenn man also Personen darum bittet, über andere, weitere zukünftige Ereignisse nachzudenken, minimiert man diesen Effekt.

Wieso ist das so? – Ein weiterer Grund ist, dass wir unterschätzen, wie gut und wie stark wir uns auf neue Ereignisse einstellen und diese kognitiv verarbeiten können. Dabei wird ein 4-stufiger Prozess durchlaufen: Aufmerksamkeit, Reaktion, Erklärung und Anpassung. Sobald eine Erklärung für das positive/negative Ereignis gefunden ist, passen wir uns emotional an. Wir adaptieren uns an die Situation. Dabei bekommen wir das gar nicht mit, weil diese Prozesse automatisch und unterbewusst ablaufen. Das ist ein Teil eines Prozesses, bei dem wir lernen, was uns gut tun und was schlecht für uns ist. Dieser evolutionär verankerte Prozess ist in uns allen von Kindheit angelegt. Daher ist es wichtig für uns zu verstehen, was uns gut und was uns schlecht tut. Dieses Verstehen minimiert – paradoxerweise – den Effekt eines positive/negativen Ereignisses.

Bei negativen Ereignissen – bspw. eines Beziehungsendes – werden wir mit der Zeit den Ex-Partner als weniger attraktiver erinnern, ja vielleicht sogar als negativer in Erinnerung haben. Wenn wir es jedoch nicht schaffen, dieses negative Ereignis zu rationalisieren, dann werden wir länger darunter leiden.

So kann es geschehen, dass nach einer ungewollten Versetzung die Person überrascht ist, dass ihr die neue Stelle besser als gedacht gefällt. Dies wird sie jedoch nicht auf den eigenen kognitiven Prozess zurückführen, sondern vielleicht auf die äußeren Umstände, ja sogar auf das Schicksal und Gott oder so ähnlich. Es passiert auch, dass sobald eine Entscheidung getroffen wird, die nicht umkehrbar ist, die Folgen der Entscheidung als positiver wahrgenommen werden. Das ist uns aber nicht bewusst, so dass wir in der Regel eher bereit sind zusätzlich dafür zu zahlen, dass wir eine Entscheidung umkehren können (bspw. Umtauschmöglichkeit beim Kaufen). Billiger wäre es, sich aber festzulegen mit dem Wissen, dass man hinterher nicht weniger glücklich sein wird.

Wir glauben auch, dass größere negative Geschehnisse uns länger und intensiver verfolgen werden als kleinere Unglücke. Dies führt dazu, dass wir uns besser auf größere negative Geschehnisse anpassen können und dabei die negativen Folgen kleinerer Unglücke unterschätzen.

Die Angst vor großen Unglücken führt sogar dazu, dass wir vieles tun, um diese zu vermeiden und uns dabei einige positive Dinge entgehen lassen.

 

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Entscheidungsfindung, Vorhersagen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s