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Dialoge am Grabstein

In der Studie von Ingrid E. Josephs wird die Beziehung einer Person zum Grab einer verstorbenen, geliebten Person betrachtet. Bislang wurde die psychologische Repräsentation des Grabes von Seiten der psychologischen Forschung vernachlässigt. Weniger so in der kulturellen Anthropologie, wo das Grab als Ort der Kommunikation untersucht wurde.

Die Behauptung, dass das Selbst durch andauernde Beziehungen mit der Umwelt entsteht, stammt von William James.

Auf dem Friedhof ist es die soziale Beziehung zum Verstorbenen, die dem Grab eine Bedeutung verleiht. Die zeitgebundene und dynamische Natur dieses Prozesses ist mikrogenetisch. In diesem Prozess wird die Bedeutung konstruiert, dekonstruiert und wieder neu konstruiert.

Nach Ernst Boesch ist die Person-Umwelt-Beziehung eine semiotische Beziehung, in der das konkrete Objekt in ein polyvalentes Symbol transformiert wird. Das Grab kann für den Verstorbenen stehen, und für die eigenen Hoffnungen und Ängste in Bezug auf die Zukunft, und für den eigenen Glauben in Bezug auf das Leben danach etc.

Das Grab wird betreten in einer Weise, als ob der Verstorbene irgendwie immer noch präsent ist. Hans Vaihinger sprach vom Als-Ob-Konstrukt, welches notwendig für wissenschaftliches und für das alltägliche Denken wichtig sei.

Hier können noch being as-if und being as-if-could-be unterschieden werden, wobei das Letztere einen dynamischen Charakter hat. Hier sind mehrere Sprünge zum neuen Als-Ob möglich, ohne dass eine Rückkehr zum ursprünglichen Zustand erfolgen muss.

Die Bedeutung dieser Funktion strich schon William Stern mit der Aussage „A man is what he imagines“ hervor. Die Fantasie produziert eine neue Objektivität.

Jean Piaget verstand das symbolische Spiel als eine pure Assimilation der Welt durch das Ego. Das Als-Ob hat nach Piaget keine produktive zukunftsorientierte Funktion für die Entwicklung des Selbst.

Vygotsky dagegen betonte die wichtige Rolle des symbolischen Spiels für Kinder als Zone der nächsten Entwicklung. Auch George Herbert Mead betonte diese Funktion des Spiels.

Die Analyse der Bedeutungskonstruktion am Grab behandelt die zwei Themen:

a)      wie verhält sich die Person zum Grab bei der Konstruktion des Bildes und der Stimme des Verstorbenen

b)      wie konstruiert die Person die eigene Zukunft in Bezug auf das Grab

18 deutsche Erwachsene zwischen 20 und 80 nahmen an der Studie teil. Die Daten wurden mittels strukturierter Interviews erfasst. Die Personen sollten persönliche, bedeutungsvolle Erzählungen nennen. Dabei galt der Fokus der momentanen Beziehung zum Verstorbenen und der Gefühle beim Vorstellen des eigenen Grabes. Weiterlesen

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Eingeordnet unter Entwicklung, Studien

Welche Ursachen führten zur Krise und letztlich zum Niedergang der Psychotechnik?

Die Psychotechnik erlebte ihren Durchbruch noch in den Jahren vor dem ersten Weltkrieg. Es war William Stern, der den Begriff prägte. Doch erst Hugo Münsterberg gelang es, die Psychotechnik zu popularisieren. Er betrachtete die Psychotechnik als “die Wissenschaft von der praktischen Anwendung der Psychologie im Dienste der Kulturaufgaben”.

Der Begriff Psychotechnik setzte sich in so ziemlich alle Länder durch. Eine Ausnahme bildeten die USA, in denen immer von Applied Psychology die Rede war. Wie verbreitet die Psychotechnik damals war, lässt sich gut daran zeigen, dass im Jahr 1926 in “ca. 110 Industrieunternehmen im Deutschen Reich psychotechnische Untersuchungen durchgeführt” wurden.

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Eingeordnet unter AO Psychologie, Geschichte der Psychologie

10 Punkte aus der Geschichte der Psychologischen Diagnostik

  1. Im alten China gab es landesweit durchgeführte Selektionsprogramme für Bewerber auf höhere Posten, die sich in einem schriftlichen Teil (Recht, Geographie, Literatur…) und einem Handlungsteil (Reiten, Musizieren, Bogenschießen) bewähren mussten. Die Kandidaten wurden von zwei unabhängigen Beurteilern bewertet. Das Verfahren wurde im 19. Jahrhundert von den Engländern für die Auswahl von Mitarbeitern für die East India Company übernommen
  2. Plato hatte sich schon Gedanken gemacht über Persönlichkeitsdifferenzen zwischen den Menschen. Er folgerte, dass sich bestimmte Berufe nur für Menschen mit spezifischen Eigenschaften eignen. Weiterlesen

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Eingeordnet unter Diagnostik, Geschichte der Psychologie