Das Circumplex-Modell familiärer Systeme

Das Circumplex-Modell betrachtet drei Dimensionen familiärer Systeme: Kohäsion, Adaptabilität und Kommunikation. Olson geht von einer kurvilinearen Beziehung zwischen Familienkohäsion bzw. Adaptabilität und familiärer Stressbewältigung aus.

Familienkohäsion bezeichnet die emotionale Bindung, der Familienmitglieder untereinander. Sie lässt mit Folgenden Konzepten messen oder gliedern: emotionale Verbundenheit, Grenzen, Koalitionen, Zeit, Ort, Freunde, Erholung, Interessen und Entscheidungsfindung.

Es gibt vier Stufen der Ausprägung der Familienkohäsion. Das fängt mit losgelöst an, dann folgen getrennt, verbunden und verstrickt. Adaptabilität ist das Ausmaß an Wechseln in der Führung, in den Beziehungsregeln und der Rollen. Es bezeichnet die Fähigkeit einer Familie bestehende Strukturen in Abhängigkeit von Belastungen zu verändern. Die vier Stufen der Adaptabilität heißen: rigide-strukturiert-flexibel-chaotisch.

Kommunikation ist eine unterstützende Dimension, die sich sowohl auf familiäre Kohäsion als auch die Adaptabilität bzw. Anpassungsfähigkeit auswirken kann. Diese Dimension kann man anhand folgender Aspekte messen: listening skills, Selbst-Offenbarung, Klarheit, Respekt, Achtsamkeit, Sprechfertigkeiten (speaking skills) und continuity tracking.

Ein Vorteil des Circumplex-Modells ist die konzeptuelle und empirische Nähe zu anderen Familienmodellen wie das Beavers System Modell und das McMaster Family Model. Ein weiterer Vorteil ist, dass es Änderungen unterschiedlicher Art berücksichtigt.

Eine Änderung erster Ordnung betrifft die Adaptabilität. Zu viel und zu wenig Änderung ist beides problematisch.

Die Änderung zweiter Art betrifft den Wechsel von einem System zum anderen. Der Wechsel kann aufgrund normativer (z.B. die Geburt eines Kindes) oder non-normativer (Autounfall eines Familienmitglieds) Familenstressoren erfolgen. In solchen Phasen werden balancierte Systeme in ein anderes System wechseln, während unbalancierte Systeme in ihrer Extremposition verbleiben.

Die basalste Hypothese des Circumplex-Modells lautet: balancierte Ehe- oder Familiensystem werden generell besser arbeiten als unbalancierte Systeme. Es ist aber sensitiv für spezifische Ethnien und Kulturen, was in der folgenden Hypothese zum tragen kommt: Wenn die Familie extreme Muster unterstützt, dann wird die Familie auch gut funktionieren, solange alle Mitglieder diese Art der Familie bevorzugen. Das heißt, dass unbalancierte Systeme nicht zwangsläufig dysfunktional sind. Um das festzustellen, müsste man die Familienzufriedenheit z.B. mittels der Family Satisfaction Scale messen.

Eine wichtige Hypothese verbindet das Circumplex-Modell mit der Kommunikation: balancierte Typen von Ehe- und Familiengemeinschaften werden mehr positive Kommunikation als die unbalancierten Typen aufweisen. Andersrum gesehen: schlechte Kommunikation stört die Verschiebung des Systems und erhöht die Chance, dass diese Systeme im Extremen verweilen.

Weiterhin wird die Hypothese aufgestellt, dass die Phase des Familienzyklus und die Zusammensetzung der Familien einen beachtlichen Einfluss auf den Typus des Familiensystems hat. Wenn sich die Wünsche eines Familienmitgliedsändern, dann muss das Familiensystem mit diesem Wunsch umgehen. Wenn Frauen mehr Autonomie von ihren Ehemännern (Familienkohäsion) anstreben oder wenn sie mehr Macht und Gleichheit (Adaptabilität) verlangen.

Mehr als 250 Studien, in denen FACES (Family Adaptability and Cohesion Scales) verwendet wurden, konnten das Circumplex-Modell bestätigen.

In einer Studie fand Clarke, dass viele Familien mit schizophrenen oder neurotischen Mitgliedern viel häufiger unbalanciert waren, als Familien, die keine Mitglieder in Therapie hatten. Carnes fand in einer anderen Studie, dass Triebtäter häufiger in unbalancierten Systemen lebten. Dies galt sowohl für ihre Urspungs- als für die  aktuelle Familie.

Mit dem Circumplex-Modell lassen sich also problematische Familien von symptom-freien Familien unterscheiden. Allerdings gibt es keinen Hinweis dafür, dass ein spezifisches Symptom mit einem spezifischen System verbunden ist. (Dies war allerdings in der Anfangsphase der Forschung eine hypothetische Überlegung.)

Mit dem CAP (Circumplex Assessment Package) lassen Selbstberichte messen. Es erfasst nicht nur die drei Dimesionen des Circumplex-Modells sondern auch die Zufriedenheit.

Mit FACES kann man die Adaptabilität und Familienkohäsion messen. Die Kommunikation mit der Parent-Adolescent Communication Scale und die Zufriedenheit mit der Family Satisfaction Scale. MACES erlaubt die Messung der Familienkohäsion und Adaptabilität dasselbe für Paare an. Die Kommunikation und Zufriedenheit der Paare wird mit einer Subskale des ENRICH gemessen.

Die CRS (Clinical Rating Scale) kann man für Fremdbeobachtung verwenden. Damit lassen sich Kohäsion, Adaptabilität und Kommunikation aus der Forscher- bzw. Therapeutenperspektive messen.

Für die Bewertung gilt allgemein: multi-methodal, multi-personal, multi-trait und multi-system.

Die abschließenden Ziele, die mit dem Circumplex-Modell erreicht werden sollen variieren in Abhängigkeit von der Zeit. Kurzfristig geht es um die Lösung von aktuellen Problemen. Die Ziele bezüglich der Systeme sind: das System zumindest einen Schritt in Richtung balancierter Typen, was die Kohäsion und Adaptabilität betrifft, bewegen. Für Kohäsion bedeutet das, eine Balance zu finden zwischen Alleinsein und Zusammensein. Für Adaptabilität, zwischen Stabilität und Änderung eine goldene Mitte finden. Insgesamt sollte noch die kommunikativen Fähigkeiten verbessert werden. Langfristig ist es erstrebenswert, dass die Fähigkeit, über einen Systemwechsel zu diskutieren, gestärkt wird. Ein Ziel, was nur zu selten erreicht wird.

Quelle: David Olson (2000). Circumplex Model of Marital and Family Systems. Journal of Family Therapy, 22, 144-167.

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